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Zankou spricht nur selten von der Zeit, bevor sie sich „Der Scharlachrote Buchstabe“ anschloss. In ihren Augen waren jene finsteren Tage keiner Erinnerung wert.
Alles begann mit einem leichtfertigen Geheimexperiment. Ein einsames, namenloses Mädchen wurde als Gefäß zur Entwicklung einer Esper-Fähigkeit benutzt, und die Forscher wie auch jene gierigen, gefräßigen Eliten sahen in ihr nur ein wertloses Opfer auf dem Weg zur Größe. Unvorstellbare Schmerzen, Einsamkeit, Verstümmelung, Wiedergeburt… diese grotesken, abstoßenden Qualen waren Alltag. Immer wieder tastete sie sich an den Rand des Todes, nur um erneut in die Welt der Lebenden gezerrt zu werden.
Bis sich in bitterer Ironie tatsächlich ein Wunder ereignete: Ihre Esper-Fähigkeit brach hervor und verwandelte jenen sündigen Kerker in ein Meer aus Blut. Niemand außer ihr überlebte.
Eine edle Wohltäterin mit reinem Herzen war die Erste, die sie inmitten der Ruinen entdeckte. Sie brachte das Mädchen zurück in die Gärten, als verpflanzte sie eine verwilderte Wildblume. Zu ihrer Freude war diese Blume, geboren in Schmutz und Schlamm, bereits vollkommen gehärtet – genau nach ihrem Geschmack.
So schlug die Blume namens „Roter Nachtschatten“ ihre Wurzeln im Boden von „Der Scharlachrote Buchstabe“, und Inanna gewann ihre loyale Adoptivtochter – ihren schärfsten Dolch.
Doch Inanna ahnte nicht, dass die „Leine“ ihrer Tochter an den Rändern bereits ausfranste. Zankou verschwieg ihre eigene Esper-Fähigkeit und öffnete jenes unheimliche Auge nur aus dem Schatten heraus, in der Hoffnung, in die Herzen ihrer neuen Familie zu blicken. Wer versuchte, sie zu schikanieren, sich bei ihr einzuschmeicheln oder Freundschaft zu schließen, wurde bloß ignoriert – und stattdessen in einen versinkenden Morast gerissen, in dem Wirklichkeit und Illusion verschwammen. Sie begannen, an wahr und falsch zu zweifeln, und verwandelten sich langsam in seelenlose Hüllen – Spielzeuge, die Zankou wie Marionetten lenkte.
„Jeder trägt eine Flamme im Herzen.“
Für Zankou waren die Gesichter der Menschen nur monochrom, doch die leuchtend roten Flammen ihrer Seelen hörten nie auf zu brennen.
Jedes Feuer war anders – manche loderten heftig, manche glommen schwach, manche waren dunkel, manche karmesinrot… In ihren Augen waren die meisten völlig banal; die wenigen, die eines zweiten Blickes wert waren, taugten nur zu kurzem Zeitvertreib. Erst wenn sie sah, wie diese Flammen sich am Rand des Zusammenbruchs selbst verzehrten und Flocke um Flocke hoffnungslose Asche ausatmeten, zeigte sie einen Hauch von Freude, als würde sie endlich ein Meisterwerk bewundern.
Doch in dieser kalten, eintönigen Welt, übersät mit zahllosen trüben Lichtern, gab es immer eine andere Seele… Zuerst war sie von blendendem Weiß; später wurde sie zu einem Farbton, den sie noch nirgendwo sonst gesehen hatte – eine unbeschreibliche Farbe.
„Wie schön… Ich kann den Blick nicht abwenden.“
Blendendes Scharlach
Die Menschen begegnen dem Unbekannten seit jeher mit derselben Neugier und Überheblichkeit. Aus Ehrfurcht wird Angst, aus vorsichtigem Erproben wird der Griff nach etwas, bis der Funke namens „Eroberung“ schließlich die Lunte der Gier entzündet … So stehen manche Menschen dem Phänomen der Esper-Fähigkeit gegenüber.
Kulte, Gelehrtengesellschaften, private Forschungseinrichtungen, geheime Zirkel … Von Gier und Fanatismus getrieben, rotten sie sich zusammen wie Hyänen, die Blut gewittert haben. Sie zahlen jeden Preis, missachten jede Grenze und jedes Tabu, um die Wunder zu erlangen, die eine Esper-Fähigkeit bewirken kann … oder um sich die Esper-Fähigkeit selbst anzueignen.
Auf einer kleinen Insel existierte einst eine Geheimgesellschaft namens „Augenhacker“. Ihre Mitglieder hingen einer abscheulichen Irrlehre an: Esper-Fähigkeiten seien Geschenke geheimnisvoller Wesen, und diese Gaben würden jenen Glückskindern zuteil, die mit besonderen Augen geboren wurden. Also suchten sie überall nach geeigneten Kandidaten. Sie betrachteten sie als „Gefäße“, in denen eine Esper-Fähigkeit erwachen konnte. Sie sperrten die Kinder in einem Verlies ein und spülten ihnen täglich mit einer aggressiven geheimen Arznei die Augen aus. Sie glaubten, auf diese Weise eine Esper-Fähigkeit wecken und sie durch die Transplantation der Augen selbst an sich bringen zu können.
Zankous früheste Erinnerungen begannen in diesem grausamen, absurden Verlies.
Das Mädchen besaß Augen, so schön wie Edelsteine. Jeder, der ihr begegnete, verlor sich in ihnen, doch sie verstand nicht, warum. Da sie keine Farben erkennen konnte, sah sie nur verschwommenes Grau und Weiß. Noch weniger verstand sie, zu welchen Gräueltaten Menschen fähig waren, wenn Gier und Unwissenheit sie antrieben. Seit die Augenhacker sie wegen ihrer Augen entführt hatten, bestand der ganze Sinn ihres Daseins darin, dass man ihr Tag für Tag Arme und Beine fesselte, ihre Lider gewaltsam offen hielt und sie zitternd zusehen musste, wie eine kochend heiße, beißende und trübe Flüssigkeit in ihre Augen tropfte. Durch den bohrenden Schmerz hindurch musste sie den bösartigen Gebeten um sich herum lauschen.
Tag für Tag setzten die von Gier Berauschten ihre Theorie in die Tat um, ohne sich um deren Widersinn zu scheren. Doch ausgerechnet unter dieser unmenschlichen Folter erwachte in Zankous Augen tatsächlich eine Esper-Fähigkeit. Als man sie zum Ritual der Augenentnahme brachte, stritten die Mitglieder der Gesellschaft darüber, wem ihre Augen gehören sollten. Einer nach dem anderen offenbarte seine verborgene Identität: Würdenträger, reiche Kaufleute oder Angehörige einer namhaften Familie … Ihre Stimmen verschwammen allmählich zu undeutlichem Lärm. Im Dämmerzustand der Narkose erblickte Zankou die erste Farbe jenseits von Schwarz und Weiß. Sie war warm und blendend, brach aus den Flammen der Seelen hervor, spritzte aus den Wunden des Gemetzels und verband sich zu einem scharlachroten Sumpf, der sie umschloss …
An jenem Tag legte sich das „Auge der Illusion“ über die gesamte Insel. Die Verbrecher, in der Halluzination von Misstrauen und Rivalität zerfressen, schlachteten einander ab, bis niemand mehr am Leben war.
Spinne & Blüte
In der Blutlache sah Zankou ein erschreckend schönes Rot.
Die Frau in diesem Rot stolzierte auf sie zu, und ihre hohen Absätze hallten an den Wänden des leeren Verlieses wider. Dann verstummte das Klacken und machte samtenen Worten Platz:
„Lass mich dein Gesicht sehen, mein armes kleines Blütenblatt.
Von heute an ist der Scharlachrote Buchstabe dein Zuhause.“
Zuhause… was war das?
Die Frau vor ihr versprach dem Mädchen etwas, das sie nicht begreifen konnte: ein „Zuhause“. Auch wenn das Mädchen die Bedeutung ihrer Worte nicht verstand, spürte sie doch, dass ihre Stimme und ihre Berührung sanfter waren als alles, was sie je erlebt hatte.
„Du darfst mich… Mutter nennen.“
Zankou blickte die große, hagere Frau vor sich misstrauisch an. Unter ihrem sanften Blick lauerte ein unergründliches Lächeln. Das Feuer ihrer Seele war so zinnoberrot und strahlend wie ihre Kleidung, und ihre gierigen Flammen tanzten und loderten vor den Augen des Mädchens, als wollten sie sie bei lebendigem Leib verbrennen.
Und doch gab sie bereitwillig nur ein einziges Wort zur Antwort:
„Mutter.“
Blüten jagen
Im Garten des scharlachroten Buchstabens wurden viele Blumen kultiviert. Die liebevolle Inanna pflegte sie, überschüttete sie mit süßem Tau und beschnitt ihre Zweige. Den Blumen, die ihr am besten gefielen, verlieh sie sogar neue Namen – „Rote Tollkirsche“ war einer davon.
Doch Zankou wusste, dass Mutter Blumen nicht liebte. Sie genoss es lediglich, im Zentrum des Gartens zu stehen.
Innerhalb des Anwesens des scharlachroten Buchstabens verbarg Inanna ihr wahres Wesen nicht länger. Die großzügige, gefühlvolle Wohltäterin war nur eine Darbietung für die Außenwelt. In ihrem Herzen gab es nichts außer der Kälte und Gier einer Händlerin sowie den immer weiter wachsenden Hochmut, der mit dem Aufstieg in die Elite einherging. Sie war wie ein hoch aufragender scharlachroter Turm, der einen grauenhaften Schatten über den Garten warf.
Inanna hatte ihre Töchter immer durch Gunst und Furcht beherrscht, und die Erziehung wie auch die körperlichen Züchtigungen, die sie Zankou angedeihen ließ, waren besonders hart. Doch Zankou kümmerte das nicht. Die Zeit im Verlies hatte sie schon lange gegen Schmerz abgestumpft. Selbst nachdem sie Qualen ertragen hatte, schenkte sie Mutter weiterhin ihre Loyalität und führte jede Aufgabe aus, die Mutter ihr auftrug. Und wenn Mutters andere Töchter manipuliert wurden und mit ihren Schicksalen gespielt wurde, hatte Zankou, die all das mit ansah, das Gefühl, auch sie könne im Garten ein wenig Zerstreuung finden.
„Das Auge der Illusion“ konnte Emotionen wahrnehmen – und sie ebenso kosten. Die blutige Süße der Furcht, der saure Schmerz der Verzweiflung, die Schärfe des Hasses … die Emotionen ihrer Schwestern wurden zur Nahrung, von der Zankou zehrte. Nach und nach begann Zankou, Mutters Hobby zu verstehen.
Ihre anomalen Augen suchten stets nach den Seelen in den leuchtendsten Farben, als würden sie Blumen bewundern und pflücken. Immer wenn des Nachts süßes Schluchzen durch das Herrenhaus hallte und die Flamme einer Seele rastlos zitterte, ging Zankou nur zu gern zu jener zerbrechlichen Blume, spendete ihr Trost und beherrschte sie dann, kostete sie aus und warf sie fort. Durch ihre Worte und ihren Blick wurden diese wankenden kleinen Schwestern gerettet.
Doch ein solches Vergnügen war nie von Dauer. Der Verstand der Mädchen wurde durch den Blick in „das Auge der Illusion“ schon bald zermürbt, und zurück blieben nur zerbrochene Hüllen, die Zankou befehligen konnte. Auch die Farbe ihrer Seelen verblasste, wie Blumen, die verwelken und trocken und stumpf werden.
Doch das war in Ordnung. Der Garten des scharlachroten Buchstabens war weitläufig. Wenn eine Blume verwelkte, würde es noch immer eine andere geben.
Schwester, Schwester
Unter all ihren Schwestern gab es nur eine, die Zankou dazu brachte, ihre Fähigkeiten einzuschränken, wenn sich ihre Blicke trafen.
Ihre Seele war eine reine, durchscheinende Flamme, so klar wie das erste Licht der Morgendämmerung. Als hätte sie etwas Wunderbares erblickt, entfuhr es ihr gleich bei ihrer allerersten Begegnung…
„Was für eine wunderschöne Farbe…“
Doch das weiß gekleidete Mädchen namens Daffodill verstand es nicht. Sie befolgte einfach die Anweisungen ihrer Adoptivmutter, trat an die Wagentür, verbeugte sich und streckte die Hand aus, um ihre neue kleine Schwester willkommen zu heißen.
„Willkommen zu Hause, kleine Schwester.“
Zankou streckte die Hand nach ihr aus, während sich Besessenheit und Neugier in ihren Augen sammelten. Unbewusst zeichnete sich beinahe ein wildes Lächeln auf dem Gesicht des Mädchens ab. Als wollte sie ihr etwas entreißen, umklammerte sie plötzlich fest die Hand des anderen Mädchens und zog sie näher heran, als wolle sie sich in jener geweihten Flamme baden…
Nach dieser ungewöhnlichen Begrüßung wurde ihnen schließlich befohlen, Partnerinnen zu werden, Schwestern – Familie.
Zankou wusste, dass ihre Schwester und sie nicht gleich waren, aber was soll's? Zwei vollkommene Gegensätze, durch ihr Schicksal aneinandergekettet. Im Garten des Scharlachroten Buchstabens würden unzählige Ranken sich um sie winden und sie binden, bis der Tod sie trennte. Sie würden denselben Morast betreten, dasselbe Blumenbeet teilen, dasselbe Schlachtfeld beschreiten und in dasselbe Grab zurückkehren. Sie standen einander so nahe, wie Familie nur sein konnte.
Tag für Tag beobachtete sie Daffodill mit ihrem „besonderen“ Auge. Als erste von Inanna adoptierte Tochter war Daffodill standhaft und unbeweglich, starr – ganz gleich, wie hart die Mission auch war, sie übertraf stets Mutters Erwartungen. Wenn es darum ging, ein Ziel auszuschalten, war sie sogar gefühllos… Und doch versorgte eben diese Schwester nach jeder Mission oder Bestrafung zärtlich ihre Wunden.
…Doch später veränderte sich Daffodill aus einem nicht zu erkennenden Grund. Ihre Entschlossenheit und Gleichgültigkeit wurden zu Zögern, begleitet von wachsender Melancholie und Verwirrung. Von da an flackerte jene weiße, beständige Flamme gelegentlich.
„Sie hat also auch so eine Seite.“
Zankou beobachtete Daffodill weiter, als sähe sie einer Knospe beim Erblühen zu. Sollte ihre Schwester schwach werden, würde sie sie – noch bevor Mutter sie zerstörte und wegwarf – in ihren kostbarsten Besitz verwandeln. Schweren Herzens sehnte Zankou diesen Tag herbei.
Ein Kaninchen
„… Da ist ein Kaninchen in der Ecke des Hinterhofs.“
„Ich habe ihm ein paar Kohlblätter gegeben. Es hat sie alle aufgefressen, und es hat mich nicht gebissen …“
Zankou hörte Daffodill lächelnd zu, doch in ihrem Inneren wanden sich ihre Gedanken.
Sie verstand nicht, was an einem Kaninchen so interessant sein sollte. Es war nur ein graues Versuchstier mit zwei roten Augen. Sie verstand auch nicht, warum ein Kaninchen bewirkte, dass ihre Schwester einen so … glücklichen Ausdruck zeigte.
Doch in den nächsten Monaten warf Daffodill dem Kaninchen jedes Mal, wenn es Zeit war, zur Bestrafung in den Hinterhof zu gehen, heimlich einen Blick zu, und Zankou beobachtete sie dabei. Selbst im Schmerz wurde der Blick ihrer Schwester weich. Manchmal dachte Zankou, dass Mutter vielleicht niemals zugelassen hätte, dass eine solche Sanftheit in ihren Augen erschien.
Bis Daffodill eines Tages in jener vertrauten Ecke nur noch den Kadaver des Kaninchens fand. Sie schwieg den ganzen Tag und schloss sich noch vor Einbruch der Nacht in ihrem Zimmer ein.
Zankou klopfte lange, bevor sich die Tür ihr langsam öffnete. Der hohle Blick ihrer Schwester hing am Boden, ihre Seele zitterte haltlos wie eine glimmende Flamme im Wind. Zankou schmeckte den bitteren Nachgeschmack des Schmerzes; noch nie zuvor hatte sie von ihrer Schwester eine so klare, schwankende Regung gekostet.
Vorsichtig streckte sie die Hand aus und zog ihre niedergeschlagene Schwester langsam näher zu sich. Sie spürte, wie sie einen Moment zögerte, dann lehnte sie, als hätte sie alles losgelassen, ihr Gesicht ohne den geringsten Widerstand an Zankous Schulter. In dem Augenblick, als ihre Wärme ineinanderfloss, stieß Zankou tief in ihrem Inneren einen zufriedenen Seufzer aus. Sie war dem Tod des Kaninchens sogar dankbar.
„Vielleicht wird meine Schwester, wenn sie an den Kadaver dieses Kaninchens zurückdenkt, mich verdächtigen, es getan zu haben.“
Nach der Flucht ihrer Schwester dachte Zankou in vielen Nächten an dieses tote Kaninchen.
Doch Daffodill sprach das Thema nie wieder an.
Aber sie empfand kein Bedauern. Denn sie wusste, dass am Ende der Geschichte eine von ihnen durch die Hand der anderen sterben würde. Wenn eine von ihnen den letzten Atemzug tat, wäre es vielleicht ein passender Abschied, dieses Thema zur Sprache zu bringen.
„Schwester, ich habe dieses Kaninchen wirklich nicht getötet.“
Tödlicher Blick
Zankou und Daffodill waren einst die zwei schärfsten Klingen des Scharlachroten Buchstabens. Der Makel ihrer gemeinsamen Sünden reichte so tief wie die Leere in ihren Herzen.
Prüfung um Prüfung, Auftrag um Auftrag räumten sie Mutters Hindernisse aus dem Weg und wurden zu zwei Klingen, die Mutter immer geschickter zu führen wusste. Zankou hatte nie Interesse daran gehabt, eine Klinge zu sein. In jeder kurzen Atempause galt ihr Blick nur Daffodill.
Als Klinge kannte sie jedes Hindernis, das Mutter beseitigt haben wollte. Aber als Mensch war Daffodill die Einzige, die sie kannte.
Nach jedem Auftrag stand Daffodill vor dem Spiegel, in Gedanken versunken, während sie ihre Wunden verband. Und jedes Mal kostete Zankou diesen müden, melancholischen Anblick still aus – vernarbt, erschöpft und doch noch immer schön – und setzte dann wie immer ihre Esper-Fähigkeit und eine sanfte Umarmung ein, um die Zweifel ihrer Schwester zu lindern.
Schließlich hatten diese Zweifel Folgen.
Bei einem Auftrag, gerade als sie ihre Klinge auf das Opfer hätte herabsausen lassen sollen, sah Daffodill die flehende Zielperson an und konnte nicht zustoßen. Zankou sah ihre Hand zittern, und sie sah auch die Tötungsabsicht, die unter diesem Flehen um Gnade verborgen lag. Ein gefährlicher Gedanke kam ihr.
Im nächsten Wimpernschlag blitzte eine verborgene Waffe auf und schoss auf ihre Schwester zu. Zankou trat absichtlich vor sie, fing den Treffer ab, den sie längst vorausgesehen hatte, und erledigte dann, zutiefst zufrieden, den verräterischen Feind …
Blut quoll aus einer nicht tödlichen Wunde – ein Schmerz, den sie ertragen konnte. Keuchend blickte Zankou zu ihrer Schwester auf, die versagt hatte. Sie sah, wie Daffodills Messerhand zitterte und kraftlos herabsank, und hörte hastige Schritte und eine bebende Entschuldigung.
„Nun bist du genauso schwach geworden wie sie.“
Zankou blickte auf die heftig flackernde weiße Flamme vor sich und dachte stumm nach.
Unzählige Male hatte sie sich ausgemalt, ihre Esper-Fähigkeit nicht länger zurückzuhalten – ihre Schwester mit ihren Augen ohne jede Zurückhaltung bis ins Innerste zu durchschauen. Sie in eine Illusion nur für sie beide zu ziehen, ihre Abwehr zu zermürben, ihre Vorlieben zu verdrehen, sogar ihre Erinnerungen zu manipulieren, bis sie, bevor sie ganz zu einer sentimentalen, langweiligen gewöhnlichen Frau herabsinken könnte, zu Zankous Beute und Spielzeug würde.
Doch tatsächlich hatte sie sich immer zurückgehalten.
Selbst gedämpft und schwankend bannte diese weiße Flamme sie noch immer. Sie wollte sie nicht länger zermürben. Wie eine Jägerin, die nicht auf eine perfekte Beute schießt, sehnte sie sich danach, diese Vollkommenheit zu bewahren.
Ein neuer Farbton
Zankou konnte sich daran erinnern, wann sich ihre Schwester verändert hatte und wie vertrauensvoll, sorglos und naiv sie zuvor gewesen war.
Es war bei einer von Inannas Auktionen. Daffodill, die für die Sicherheit zuständig war, hatte eigenmächtig gehandelt und kehrte nach einem kurzen Verschwinden etwas mitgenommen zurück. Sie hielt sich das linke Auge zu und tat den ganzen Vorfall als einen „Unfall“ ab. Der Anblick des so schwer verletzten Gesichts ihrer Schwester versetzte Zankou in rasende Wut, so sehr, dass ihre Methoden in den nächsten Missionen weit brutaler waren als sonst. Monatelang trug Daffodill danach eine Augenklappe. Um ihre Schwester zu trösten, ließ Zankou sich sogar selbst eine anfertigen – völlig nutzlos natürlich – und als sie diese hervorholte, um damit anzugeben, konnte ihre Schwester nur mit einem erschrockenen Lachen reagieren.
Zankou fragte sich kein einziges Mal, was Daffodills Augenklappe eigentlich verbarg.
In einer regnerischen Nacht sah sie Inanna in einer Blutlache liegen und Daffodill – die Esper, die die Augenklappe abgenommen hatte und eine Klinge in der Hand hielt. Mutters Blut hatte den Kragen ihrer Schwester grell karmesinrot gefärbt. Und jene Flamme… jene reinweiße Flamme war vollständig erloschen. Sie war zu etwas geworden, das allem Bisherigen und jedem anderen völlig fremd war – zu einer Farbe von erhabener Reinheit, wie Zankou sie in ihrem ganzen Leben noch nie wahrgenommen hatte.
Zankou versuchte, im Chaos vor ihr einen Sinn zu finden. Zu viele Fragen prallten in ihrem Kopf aufeinander. Sie verstand nicht, warum ihre Schwester sie verraten hatte, verstand nicht, woher die Esper-Fähigkeit ihrer Schwester gekommen war, und verstand nicht einmal, was diese seltsame Flamme überhaupt bedeutete. Daffodill hingegen… stand einfach nur reglos da, wie ein vor Angst erstarrtes Kind, erstickt von Scham.
Ihre Schwester floh schweigend, jener Lichtstreif verschwand jenseits der Hecken im Garten des Scharlachroten Buchstabens.
Zankou rang darum, ihr etwas nachzurufen, während ihre Mutter noch immer ein Stück weiter lag, vergessen in einer Blutlache. Alle ihre Gedanken – und ihr Blick – folgten unaufhörlich der Gestalt ihrer Schwester, die sich entfernte. Eine unbestimmte Zeit verging, bevor sie schließlich ein paar Worte hervorbrachte, dieselben Worte, die sie ihrer Schwester schon unzählige Male gesagt hatte:
„Was für eine schöne Farbe…“
Schicksalhaftes Wiedersehen
Mutter überlebte Daffodills Anschlag auf ihr Leben. Sie erwachte, erholte sich von ihren Verletzungen und wahrte ihr gewohntes Erscheinungsbild, als wäre nichts geschehen. Zankou war nicht überrascht. Daffodill hatte die Kunst des Tötens gemeistert, doch mit jemandem wie Mutter war nicht zu spaßen. Sie spielte weiterhin die Rolle jener souveränen, im Luxus schwelgenden Wohltäterin – als hätte Daffodills Verrat sie überhaupt nicht erschüttert.
Zankou bemerkte jedoch die subtile Veränderung.
Früher waren Mutters Gefühle stets ruhig und kalt gewesen, bis hin zu vollkommener Arroganz. Nach dem Attentat aber wurde sie misstrauisch und trug fortan jene Unruhe in sich, die Menschen in Machtpositionen so oft befällt …
Der scharlachrote Turm in ihrer Erinnerung war bereits eingestürzt, doch Zankou kümmerte sich nicht länger um solche Belanglosigkeiten.
Jetzt wollte sie nur noch jene Frau, die ihr durch die Finger geglitten war, am Kragen zurückschleifen …
Schließlich brachte Mutter eine weitere „kleine Schwester“ nach Hause. Sie hatte begonnen, jene Kinder zu bevorzugen, deren Verletzlichkeit ihr im Gegenzug ein Gefühl von Macht verlieh – und das Mädchen namens Poinsette war eine von ihnen. Anfangs hielt Zankou sie lediglich für eine weitere Blume im Feld. Doch unerwartet entdeckte sie eine interessante Seite an der neu hinzugekommenen Knospe. Frühreif und begabt ließ diese kleine Knospe weder Mutters Bevorzugung noch ihre Qualen zu, sie in eine welkende Blume zu verwandeln. Stattdessen wurde sie zu einem zähen Unkraut, das nach jedem möglichen Fluchtweg aus dem Garten des Scharlachroten Buchstabens suchte. Zankou durchschaute ihr Spiel, wurde nur noch neugieriger und brachte Mutter aus eigenem Antrieb dazu, Poinsette zu befördern, damit sie fortan an Inannas Seite diente. Die kleine Knospe, nun zum Unkraut geworden, bemerkte Zankous Absichten und konnte nur gehorsam mitspielen …
Obwohl das Spiel zwischen den beiden Zankou eine Weile unterhielt, konnte es die Leere nicht füllen, die Daffodills Abwesenheit hinterlassen hatte. Zankou begegnete niemandem mehr, dessen Seele mit ihrer vergleichbar gewesen wäre, und so wuchs ihre Sehnsucht Tag für Tag …
Nach langen, gründlichen Ermittlungen stieß sie schließlich auf Daffodills Spur – einen heruntergekommenen Antiquitätenladen in Hethereau, eine elende Hütte, die ihrer völlig unwürdig war.
Glücklicherweise befand sich auch Inannas nächstes Ziel in Hethereau, also übernahm Zankou den Auftrag mit Freude und machte sich auf die Suche. Tag für Tag verkleidete sie sich als andere Passantin und ging unzählige Male an Eibons Tür vorbei, bis sie endlich das Gesicht erblickte, auf das sie so lange gewartet hatte.
Ein Lächeln unterdrückend schlüpfte sie in eine dunkle Gasse, legte eine Hand an ihre Brust und spürte, wie ihr Herz wild wie eine Trommel schlug.
„Dieses Mal entkommst du mir nie wieder, Schwester.“