NTE
S★★★★★Cosmos#1076

Shinku

“Roter Drache im Mondschein”

SchadenHaupt-SCH

Eine kühle, distanzierte Person, die es gewohnt ist, andere auf Abstand zu halten.

Shinku
Wohnort
Büro für Anomaliekontrolle, EAE-2
Geburtstag
13. August
Freischaltung (Abenteurer-Level)
4
Max. Erwachen
6

Dossier

Info

In Shinkus Höflichkeit liegt eine gewisse Distanz. Als neue EAE-Mitarbeiterin, die in den Hauptsitz des BAK in Hethereau versetzt wurde, machte Shinku bei ihren Kollegen nicht gerade den besten ersten Eindruck. Shinku hielt bewusst Abstand und wies jedem seinen „richtigen Platz“ zu – mit Ausnahme jener Vorzeigemitarbeiterin, die es mit gesundem Menschenverstand bekanntlich nicht so hat. Nicht nur bei der Arbeit, auch im Alltag macht Shinku es genauso. Man sieht sie in der Menge, die zum TST strömt, um die neueste Wunderkiste zu bekommen, oder auf den voll besetzten Rängen des Finales der Meisterschaft im Anomalie-Sammelkartenspiel sitzen, wo sie sich mit anderen Fans über ihre Sammlung austauscht. Doch sobald sich die Menschenmengen auflösen, ist es immer Shinku, die allein nach Hause geht. In einer geschäftigen Stadt wie dieser hat sie nie den Kontakt zu irgendwem verweigert, aber in ihr „Revier“ hat sie ebenso nie jemanden hineingelassen. Shinku hat zweifellos Kritik auf sich gezogen und Missverständnisse ausgelöst, doch sie ist fest davon überzeugt, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Seit jenem heftigen Regen hat sie sich daran gewöhnt, auf sich allein gestellt zu sein. Es gab eine Zeit, in der Shinku glaubte, sie unterscheide sich nicht von anderen Kindern in ihrem Alter, bis jener heftige Regen ihr begreiflich machte, was die Macht, mit der sie geboren worden war, tatsächlich bedeutete. Seitdem ist ihr Leben ein völlig anderes. Als Shinku Hethereau zum ersten Mal verließ, um unter ihrem Mentor bei der EAE-9 zu trainieren, fragte sie sich, was geschehen wäre, wenn es den Vorfall niemals gegeben hätte. Doch bald legte sie diese unbeantwortbare Frage beiseite und fand den Weg, der ihrer Meinung nach am besten verhindern konnte, dass sich dieselbe Tragödie wiederholte – sie hielt schlicht jeden auf Abstand. Und so begann die entschlossene junge Drachin heranzuwachsen. Sie begann, jede Last allein zu tragen. Mit Hilfe ihrer älteren Kollegen wurde sie fähig genug, Dinge allein zu bewältigen und sogar andere zu beschützen. Ihr Einzelgängertum sorgte dafür, dass selbst dann, wenn sie die Kontrolle verlor, die Folgen auf ein Minimum begrenzt blieben. Alles schien sich zu fügen, bis zu dem Tag, an dem ihr Mentor ihr die Versetzungspapiere überreichte und damit endlich der Moment kam, an dem sich zeigen sollte, ob sie jene regnerische Nacht wirklich hinter sich gelassen hatte. Die Vergangenheit ist der gnadenloseste Jäger und versetzt seiner Beute genau in dem Moment den tödlichen Stoß, in dem sie die Deckung fallen lässt. Aber eine heranwachsende Drachin ist offenbar keine solche Beute.

Helm mit zwei Löchern

Shinkus Kräfte steigern ihre Reaktionsgeschwindigkeit und ihre körperliche Stärke. In ihren ersten Tagen im Büro half ihr ihre Kampfkraft dabei, sich schnell an ihre Aufgaben zu gewöhnen. Doch weil sie ihre Kräfte nicht gut kontrollieren konnte, geriet sie oft in Raserei, und das musste sie dringend in den Griff bekommen. Nicht selten verfiel Shinku direkt, nachdem sie wieder zu sich gekommen war, in eine düstere Stimmung und starrte auf das Chaos, das sie angerichtet hatte. Trotzdem ist sie eher jemand, der handelt, als lange nachzudenken, und so fand sie schnell eine Lösung. Nachdem ein Sicherheitsbeauftragter sie zum dritten Mal von einer Baustelle geworfen hatte, weil sie keinen Schutzhelm trug, baute sie sich selbst einen Helm mit Löchern auf beiden Seiten für ihre Hörner. „Musst du wirklich … auf die Baustelle?“ „Mhm.“ „Und du musst diesen … sinnlosen Helm tragen?“ „Das ist Vorschrift. Ohne Helm komme ich nicht auf die Baustelle.“ Zumindest hat sie den Helm schon eine ganze Weile nicht mehr gebraucht.

EAE-9

Tempus, der früher die Stirn runzelte und sie ein freches Gör nannte, nahm sie später bei Außeneinsätzen gerne auf ein Eis mit; Ray, der nach ihr suchte und Witze machte, wenn Shinku sich in ihrem Zimmer verkroch und sich die Schuld dafür gab, die Kontrolle verloren zu haben; ihre Senior-Kollegin, die im Training nie eine Mine verzog und nie ihren Ärger zurückhielt, wenn Shinku etwas vermasselte, sich bei Einsätzen aber trotzdem vor sie stellte; und ihr Mentor, der über ihren Geburtstag meist kein Wort verlor, ihn aber nie zu feiern vergaß… ohne sie wäre Shinku wahrscheinlich für immer in ihrem Zimmer geblieben und hätte sich selbst bemitleidet. Was sie ihrer Sorge und ihrem Wohlwollen entgegensetzen sollte, darauf fiel Shinku keine andere Antwort ein, als jemand zu werden, der auf eigenen Beinen stehen kann. Ihr Mentor macht sich bestimmt nur Sorgen, weil sie noch immer nicht unabhängig und stark genug ist.

Drachenschatz

Allein ging sie den Strand entlang und trat ab und zu Kieselsteine aus dem Weg. Selbst als ihr Blick verschwamm, hielt sie die Tränen zurück, die ihr in die Augen stiegen. „Es ist doch nur ein Kuchen. Als ob er mir wichtig wäre!“ Nein, das war es nicht, woran sie dachte. Je öfter sie nachts mit Schmerzen aufwachte, die oben in ihrem Kopf begannen, desto öfter sagte sie im Unterricht Dinge, die ihr später leidtaten. Tief im Inneren meinte sie das alles gar nicht so, aber bis sie wieder zu sich kam, hatte sie ihre Mitschüler entweder wütend gemacht oder zum Weinen gebracht. Das gefiel ihr nicht. In Wahrheit wollte sie mit ihnen Völkerball spielen, bei der Vorbereitung der Aufführung fürs Schulfest helfen, Kuchen essen, die Kerzen auspusten und auf den Geburtstagsfeiern ihrer Mitschüler Geburtstagsständchen singen. Aber irgendwie verdarb sie am Ende immer alles… „Shinku!“ „Hab dich gefunden! Ich wusste, dass du hier bist!“ „Schau mal, was ich gefunden habe! Tada! Hier! Erinnert dich das nicht an jemanden, der sich heulend zu einer Kugel zusammengerollt hat?“ „Das… stimmt nicht.“ „Und ob! Jedenfalls, nimm es.“ „Hä…?“ „Hat nicht jeder böse Drache in Geschichten seine eigene Schatzkammer? Dann sollte dieser Drache, der ständig mit allen Streit anfängt, auch eine haben! Also sammel ab jetzt jedes Mal, wenn du dich mit jemandem streitest, irgendetwas Schönes. Und wenn du den bösen Drachen irgendwann endlich besiegt hast, kannst du seinen Schatz mit allen teilen!“ Mit dieser Muschel mit dem traurigen Gesichtchen darauf begann Shinku ihre „Schatzsuche“.

EAE-2

Für Shinku bestand die Herausforderung beim Wechsel zu EAE-2 weniger darin, sich an einen neuen Ort zu gewöhnen, als darin, mit ihren zwei neuen Teammitgliedern zurechtzukommen. Mint. Ein echtes Unikat, das es irgendwie schafft, Shinkus Tricks, andere auf Abstand zu halten, komplett ins Leere laufen zu lassen. Egal, ob Shinku eine Drachen-Miene aufsetzt oder sich eine Ausrede ausdenkt, Mint wischt das einfach beiseite und kommt weiter auf sie zu. „Drachen-Gesicht? Aww, warum denn so grummelig? Wer hat Taya diesmal verärgert? Oder bist du durch eine Prüfung gefallen?“ „Beschäftigt? Klar, dann machen wir’s eben ein andermal! Wie wär’s morgen nach der Arbeit?“ Mint weiß einfach nicht, wann sie sich zurückziehen sollte. Sie ist einfach da, weil sie da sein will. Ehrlich gesagt ist das anstrengend… aber Shinku hasst es nicht – und wer könnte ein freundliches Kätzchen schon hassen? Und das andere Teammitglied… Oneiroi. Nach ihrem ersten Einsatz mit ihr verstand Shinku genau, warum sie zu EAE-2 versetzt worden war. Oneiroi hatte die Fähigkeit, sie davor zu bewahren, in Raserei zu verfallen. Eigentlich hätte das eine gute Nachricht für Shinku sein sollen, denn dann müsste sie sich endlich keine Sorgen mehr machen, ihre Teammitglieder zu verletzen. Aber sie konnte Oneiroi nicht so annehmen, wie sie Mint angenommen hatte. Iroi versteckte sich. Sie zeigte nicht ihr wahres Ich… Und genau das tat Shinku auch.

Endloser Regen

Noch immer ertappt Shinku sich dabei, an jene regnerische Nacht zurückzudenken. Die Welt stand Kopf, Gestalten in schwarzen Anzügen stiegen aus den Pfützen empor, und da waren die panischen Hilferufe ihrer Freundin. Danach verschwimmt ihre Erinnerung. Es gelang ihr, diese Anomalien zurückzuschlagen, doch die Raserei, die darauf folgte, richtete erheblichen Schaden an und riss sogar die Freundin mit hinein, die sie hatte beschützen wollen. „Aber das ist immer noch besser, als hinterher nur zu bereuen, nichts getan zu haben.“ Auch wenn sie diesem Regen nie ganz entkommen ist, hat Shinku die Entscheidung, die sie in jener Nacht traf, kein einziges Mal angezweifelt. Oft genug wünschte sie sich, sie hätte keine Esper-Kräfte gehabt, aber nie in so einem Moment.

Nach dem Regen

„Na gut, ich geh dann mal nach Hause!“ „Tschüss, Teana! Ich hätte nicht gedacht, dass Taya uns zum Spielen einlädt! Ruf uns das nächste Mal wieder an, tschüss!“ Sie ist nicht gerade gut in sowas, aber sie hatten bestimmt Spaß, oder? Mit diesem Gedanken zog Shinku ihr Handy hervor und tippte die Nummer ein, die sie mühsam herausgefunden hatte, die sie aber nie anzurufen gewagt hatte. Sie hatte sich nach der Spielrunde, die Mint organisiert hatte, doch fest vorgenommen, das zu tun, also warum zögerte sie jetzt? Eine Freundin schützen zu wollen und sie am Ende doch zu verletzen, sich selbst einzureden, sie müsse sie jetzt hassen, sich dann einfach nicht mehr zu melden und „So ist es besser“ als Ausrede zu benutzen, um sich selbst besser zu fühlen… Das ist nicht, wer sie ist, und zu so jemandem darf sie nie werden. Shinku holte tief Luft und drückte auf die Anruftaste. *Das Handy klingelt* Was sollte sie überhaupt sagen? Dieser Gedanke kam ihr erst jetzt. Vor Nervosität wurde Shinkus Atem flach. „Hallo?“ Die Stimme am anderen Ende war zugleich vertraut und fremd. Shinku hielt noch immer die Luft an. Es ist okay, wir sind doch Freundinnen. „…Hallo…? Ja, ich bin's.“ „Ich bin zurück.“ Das Mädchen, das so lange in jener regnerischen Nacht gefangen gewesen war, sah endlich das helle, warme Sonnenlicht des Tages.