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Menschen, Anomalien und alles andere besitzen eine einzige, universelle Wahrheit: den Drang, wahrgenommen zu werden; wie Vogelschwärme, die ihr Gefieder aufblitzen lassen, Blumen, die Duft verströmen, Wale, die in der Tiefe singen … Doch darüber hinaus gibt es in unserem Innersten etwas, das uns noch wesentlicher ausmacht, etwas ganz und gar Eigenes. Es breitet sich vom Körper und Geist nach außen aus, überwindet die dichtesten Barrieren und die tiefsten Leeren und beweist dem Universum unaufhörlich unsere Existenz und Einzigartigkeit.
„Wie… eine ‚Frequenz‘, nur anders abgestimmt.“
Als Linkos Esper-Fähigkeit registriert wurde, waren fast alle, die mit ihr zu tun hatten, danach verwirrter als zuvor. Nichts von dem, was das Mädchen beschrieb, ließ sich durch irgendein Gerät oder irgendeine Theorie bestätigen. Und doch erklärten sie alle irgendwann, dass sie deutlich spüren konnten – wenn auch nur für einen Moment –, wie eine Verbindung zu ihnen entstand, als würden sie mit etwas anderem auf derselben Frequenz in Resonanz treten… Bis Linko mit ihrer unschuldigen, fürsorglichen und leise mitfühlenden Stimme etwas sagte, das sie wirklich nicht hätte sagen sollen, und alle hastig wieder ihre Maske des verlässlichen Erwachsenen aufsetzten.
„Die Arbeit ist ganz schön hart, hm … Warum schmeißt du nicht einfach hin?“
„Hust, hust! Nein, das kann ich nicht. Ich habe nicht mal an so was gedacht. Nächste Frage …“
In den ersten Tagen nach dem Erwachen ihrer Esper-Fähigkeit wurde Linko oft schwindelig, wenn sie sich mit zu vielen Frequenzen auf einmal synchronisiert hatte. Dadurch leitete sie den Lärm, der ihren Geist überflutete, unbewusst wieder nach außen und störte Geräte und Menschen in ihrer Nähe. Deshalb fertigte das Büro eigens für sie ein am Kopf getragenes Gerät an, das Störungen abschirmen und ihr beim Konzentrieren helfen sollte. Die meisten Menschen in ihrem Alter hätten das Design vielleicht etwas einschüchternd gefunden, doch Linko liebte es. Nach dem Erwachen ihrer Fähigkeit wurden die Dinge, die sie mochte – und die Gründe, warum sie sie mochte oder sich zu ihnen hingezogen fühlte – für andere nur noch schwerer zu verstehen, was es ihr wiederum noch schwerer machte, dazuzugehören. Zum Glück war „nicht verstanden zu werden“ für eine Einzelgängerin wie Linko nie ein Problem, das gelöst werden musste.
Und doch brachte ihr ein lange zurückliegender Unfall eine neue Gefährtin, und ein mutiger Schritt eine neue Verantwortung. Nachdem sie sich dem düsteren, wortkargen Captain der TVA-6 entgegengestellt hatte, wurde Linko als Bürgin für das Kuriosum Xiaozhen zugelassen und aufgrund einer Sonderausnahme als jüngstes Mitglied in die TVA-6 aufgenommen. Exes Urteil lag goldrichtig: Linkos Esper-Fähigkeit machte es der TVA-6 deutlich leichter, Kriminelle mit Anomalie-Bezug aufzuspüren und festzunehmen. Ob es wirklich Frequenzen waren, die sie leiteten, oder bloß das Universum, das sie auf den richtigen Weg schob – Linkos unheimliche Intuition war in jedem Fall entscheidend für die Lösung großer Fälle. Trotzdem können viele selbst nach einem Jahr bei der TVA nicht anders, als sich über ihre völlig eigenwillige Vorgehensweise Sorgen zu machen.
„… Ähm, Linko, sind wir nicht ein bisschen zu weit von der Hauptgruppe entfernt?“
„Keine Sorge. Die Hauptgruppe hat sich verlaufen. Vertrau meiner Intuition!“
Hethereau-Liebesgeschichte
„Meine Mama und mein Papa sind beide Esper.“
Als Linko zum ersten Mal von ihrer Familie erzählte, erschreckte sie den Archivar des Büros halb zu Tode, denn man hatte es bereits überprüft: Ihre Eltern waren vollkommen normal – oder zumindest in Hethereau normale Menschen ohne Esper-Fähigkeiten.
Dann erklärte sie jedoch weiter, dass „Papas Esper-Fähigkeit darin besteht, mehr als ein Dutzend Filme am Stück zu gucken und dabei vollkommen still sitzen zu bleiben“, und „Mamas Esper-Fähigkeit darin, mehr als ein Dutzend Straßenblocks zu laufen, ohne anzuhalten“. Daraufhin atmeten alle erleichtert auf. Danach begannen sie sofort darüber zu tratschen, wie zwei so erstaunliche Menschen wohl zusammengefunden hatten.
Linkos Mutter war Bloggerin für urbane Erkundungen – eine unfassbar energiegeladene Macherin, die an Geister, urbane Legenden, UFOs, Aliens und so ziemlich alles Paranormale glaubte, was man sich vorstellen kann. Jeden Tag durchforstete sie Forenbeiträge nach Hinweisen, und sobald sie dachte: „Das könnte echt sein!“, zog sie los, um der Sache nachzugehen … Natürlich ließ sie sich meistens von diesen halbgaren Beiträgen an der Nase herumführen und kam mit leeren Händen zurück, doch davon ließ sie sich nie entmutigen. Irgendwann stolperte sie tatsächlich über einen wirklich unheimlichen Ort … und fiel anschließend in ein Anomalienreich. Dort traf sie eine weitere unglückliche Seele: einen Filmnerd, der von übernatürlichen Filmen besessen war, in einem kreativen Tief feststeckte und sich tagelang einschloss, um nach neuen kreativen Ideen zu suchen, bevor er schließlich genau diesen Ort als Drehort für sein neues Projekt auswählte.
Und so begann eine Liebesgeschichte, wie sie nur in Hethereau passieren konnte. Zwei junge Menschen mit völlig gegensätzlichen Persönlichkeiten trafen sich im Anomalienreich. Zuerst konnten sie einander nicht ausstehen, doch später halfen sie sich gegenseitig, blieben zusammen, entkamen Seite an Seite der Gefahr, dachten immer wieder aneinander und gestanden sich schließlich, als sie sich das nächste Mal über den Weg liefen, ihre Gefühle. Linko hat diese Geschichte von beiden schon unzählige Male gehört, in reichlich widersprüchlichen Versionen – doch eines blieb immer gleich: ihre ungebrochene Zuneigung zueinander.
Nachdem Linko geboren worden war, überschütteten diese beiden jungen Eltern aus Hethereau sie mit all ihrer Liebe, und so erbte sie auch ihre Eigenheiten. Als ihre Tochter zum ersten Mal mit dem Schnuller im Mund ins Schlafzimmer krabbelte, teilte Papa großzügig einen seiner kostbaren Funde mit ihr: seine sorgfältig geschnittenen, altersgerechten Filme über Übernatürliches … Und so kam es, dass Linko, noch bevor sie zu alt für ihr Fläschchen wurde, mit ihrem Vater Horrorfilme ansah, ohne mit der Wimper zu zucken. Kurz nachdem sie laufen gelernt hatte, nahm Mama sie zum Üben mit nach draußen, ließ sich dann aber von irgendeinem Laden ablenken, in dem sie noch nie gewesen war, und irgendwie liefen sie am Ende den ganzen Häuserblock auf und ab und schauten sich Schaufenster an … So seltsam das alles auch klingt: Wenn Linko von ihrer Mama und ihrem Papa spricht, trägt sie dasselbe glückliche Lächeln wie die beiden.
Wie dem auch sei: Die kleine Linko wuchs in einer liebevollen Umgebung auf.
Die erste Verbindung
Linkos Esper-Fähigkeiten erwachten, als sie gerade einmal sieben Jahre alt war.
Es war ein völlig gewöhnlicher Abend. Linkos Mutter hatte sie zu einem Spaziergang durch den Supermarkt mitgenommen, um unterwegs Feiertagssnacks und Dekoration zu besorgen. Linko folgte ihrer Mutter, doch ihr Blick wanderte zu einem merkwürdigen Laden die Straße runter. Als sie wieder in die Wirklichkeit zurückfand, war ihre Mutter spurlos verschwunden. Auch die Menschenmenge war fort, zusammen mit allen Geräuschen um sie herum, und sie stand allein in einem leeren Einkaufszentrum. Damals war sie zu jung, um zu verstehen, was ein Anomalienreich war. Zunächst wollte Linko einfach nur aus diesem seltsamen Labyrinth entkommen, damit sie ihre Mutter finden konnte. Doch der Raum selbst schien endlos zu sein. Linko rief mit dünner, leiser Stimme immer wieder unter Tränen, ohne zu wissen, wohin sie gehen sollte. Stunden später brach sie erschöpft auf dem Boden zusammen und hatte nur noch eine einzige Bitte …
„Wenn ich doch bloß Mama und Papa finden könnte.“
Als würde dieser Wunsch erhört, wurden auf einmal unzählige laute „Stimmen“ von außerhalb angespült, fluteten das leere Einkaufszentrum, wirbelten dann wie ein Strudel nach innen und drangen mit Gewalt in ihren Kopf ein. Verwirrung, Misstrauen, Unsicherheit, Sorge, Einsamkeit, Sirenen, bellende Hunde, Gesang, keuchender Atem … und ihre Mutter.
Instinktiv zwang sich das junge, völlig erschöpfte Mädchen wieder auf die Beine. Unter den unzähligen unsichtbaren Fäden aus Klängen folgte sie dem wärmsten, dem vertrautesten und ging weiter.
Weiter. Nur noch ein kleines Stück weiter.
Die „Stimmen“ wurden lauter und lauter, und immer mehr Rauschen füllte ihren Kopf. Sie konnte nicht mehr klar denken. Sie konnte nur weitergehen …
Linko konnte sich kaum daran erinnern, wie sie entkommen war. Sie wusste nur, dass ihre tränenüberströmten Eltern sie fest im Arm hielten, als sie die Augen wieder öffnete, und dass die fremden Menschen in Uniform in der Nähe erleichtert aufatmeten.
Später erfuhr Linko, dass sie in ein Anomalienreich hineingezogen worden war und das Büro die Eindämmungseinheiten entsandt hatte, um einzugreifen und sie zu retten. Was sie nicht wusste: Sobald das Suchpersonal den Ausgang bestätigte, hatten alle Anwesenden plötzlich das Gefühl, einen imaginären, chaotischen Aufruhr zu hören. Die elektronische Kommunikation fiel kurzzeitig aus, und manche behaupteten sogar, doppelt zu sehen oder dieselbe Stimme aus mehreren Richtungen gleichzeitig zu hören. Der Vorfall selbst störte die Rettungsaktion erheblich. Das Büro hatte sogar vermutet, dass ein Esper die Ursache war, und bereits Vorbereitungen getroffen, die TVA zur Untersuchung zu entsenden. Doch dann trat Linko plötzlich ganz allein aus dem Anomalienreich heraus. In dem Moment, als sie ihre Mutter nach ihr rufen hörte, erstarrte sie, und das Rauschen, das alle anderen störte, verstummte sofort. Die Mitglieder des Büros vor Ort warfen einander Blicke zu.
„Die eingeschlossene Zivilperson ist in Sicherheit und wurde gerettet. Das Opfer steht unter Esper-Verdacht. Was die Zielanomalie betrifft … Neutralisierung bestätigt.“
Freunde
Anfangs suchte Linko verzweifelt nach Freunden.
Die Taubenschwärme im Morgengrauen, die Kometen um Mitternacht, die Enten am Fluss, die Muscheln am Strand, der interessante kleine Laden, den ihre Mutter entdeckt hatte, das neue Spiel, das ihr Vater empfohlen hatte – und all die zahllosen Frequenzen aus der unendlichen Weite, die bis in ihren kleinen Kopf drangen … Linko wollte mit einem echten Freund darüber sprechen.
Trotzdem war sie immer allein. Vielleicht lag es an ihren Eltern, dass Linko offener und neugieriger war als andere Kinder in ihrem Alter. Ob es um Anomalien, Insekten, Geistergeschichten oder urbane Legenden ging – Linko begegnete allem stets mit großer Neugier. Nachdem ihre Esper-Fähigkeit erwacht war, ließ ihre Fähigkeit, Frequenzen zu spüren, sie die Welt um sich herum anders wahrnehmen als alle anderen. Deshalb fiel es ihr sehr schwer, Freunde zu finden. Selbst wenn sie nach der Schule an Gruppenaktivitäten teilnahm, stand sie nur still in der Ecke.
„Jeder hat seinen eigenen Kanal. Wenn ich mich zuerst auf die Frequenz der anderen einstimme … könnten wir dann wohl Freunde werden?“
Nachdem ihre Esper-Fähigkeit erwacht war, konnte Linko die Frequenzen anderer Menschen empfangen und unterscheiden. Wenn sie sich eine Weile auf dieselbe Frequenz wie jemand anderes einstimmte, konnte sie schließlich sogar die Gefühle dieser Person nachempfinden … Wenn ihr das gelang und sie aufmerksam darauf achtete, wie die andere Person sich fühlte, müsste sie mit der Zeit herausfinden können, was diese Person glücklich machte. Zumindest dachte Linko das.
Also begann das einsame Mädchen, auf andere Kinder in ihrem Alter zuzugehen. Sie war ein wenig steif und unbeholfen, doch irgendwann funktionierte es. Endlich hatte sie, auch wenn sie nur das stillste Anhängsel der Gruppe war, die „Freunde“ gefunden, die sie sich immer gewünscht hatte.
Jedenfalls glaubte sie das – bis es zum Bruch kam.
Divergenz
Menschen und Anomalien können die Gefühle des jeweils anderen niemals wirklich verstehen. Oder vielmehr: Ein Mensch kann eine Anomalie nie wirklich verstehen.
Eine Gruppe gelangweilter Kinder stieß im Gras auf einen einsamen Flauschi. Das Kind, das die Gruppe anführte, hatte eine tolle Idee: Es wollte sehen, wie der Flauschi nach seiner Verwandlung aussah, und die anderen stimmten sofort zu. Sie behandelten ihn wie ein Spielzeug, und aus ihrem Herumschubsen und Necken wurde nach und nach Schikane. Zwischen Menschen und Anomalien besteht eine natürliche Kluft. Daher ist es nur natürlich, dass Kinder kein Mitgefühl für eine Anomalie empfinden. Doch Linko stand schweigend da und wusste nicht, wie sie das Wort ergreifen sollte. Nach und nach begann sie, die Frequenz des Flauschis wahrzunehmen, die von Schmerz und Verwirrung in Wut umschlug.
„H… Hört auf! Er ist … gerade total traurig, und wenn ihr weitermacht … wird es gefährlich …“
Zum ersten Mal in ihrem Leben schrie Linko ihre „Freunde“ an.
Doch was danach kam, ob es nun die Frequenz war, die sie spürte, oder die Stimmen, die sie hörte, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
„Das ist doch nur eine Anomalie. Warum willst du jetzt unbedingt die Heilige spielen …?“
„Dir ist wichtig, was das Ding fühlt, aber was wir fühlen, ist dir egal?“
„Was für eine schräge Spaßbremse …“
Linko war weniger verletzt als vielmehr enttäuscht. Sie und der Flauschi blieben noch sehr, sehr lange schweigend auf dieser Wiese.
Verstehen Menschen, die innerlich von gesundem Menschenverstand oder Vorurteilen eingeengt sind, einander wirklich? Können sie einander überhaupt wirklich verstehen? Vielleicht ist „dazuzugehören“ an sich nur eine Illusion. Menschen, die von ihren Urteilen eingenommen werden, können einander nie wirklich verstehen, und jeder Versuch, sich anzupassen, endet nur in einem vergeblichen Tauziehen.
„Wir alle leben auf unseren eigenen Frequenzen und senden Signale ins Universum, die unbeantwortet bleiben.“
In jener Nacht schrieb Linko in ihr Tagebuch.
Auch Menschen können einander nicht verstehen. Ein Mensch kann nie wirklich begreifen, was ein anderer fühlt.
Wie Sterne am Nachthimmel, wie Inseln im Meer, die einander über einen Abgrund hinweg anblicken …
Linko wollte keine Freunde mehr.
Tamachi-Meisterin
Als Linko zehn war, folgte sie oft Frequenzen und streifte ganz allein durch die ganze Stadt. Unbekannte Frequenzen zu erspüren und zu erkunden, wohin sie sie führten, wurde zu ihrem ganz eigenen, freudigen Zeitvertreib. Selbst wenn ihre Abenteuer meistens nur kleine, seltsame Dinge zutage förderten und sie manchmal sogar zu gefährlichen Anomalien führten, wurde Linko es nie leid.
Eines Nachmittags spürte Linko eine warme, einladende Frequenz, erfüllt von lebendiger, energiegeladener Kraft. Sie folgte ihr durch Straßen und Gassen, bog mehrmals ab und kletterte schließlich sogar auf einen großen Baum.
Doch sie war klein, und der Stamm war riesig. Auf halber Höhe hatte sie keine Kraft mehr. Dort saß sie fest, ohne vor- oder zurückzukommen. Sie konnte sich nur zusammenkauern und überlegen, wie sie wieder herunterkommen sollte. Plötzlich sprang ein Mädchen in der Uniform der Clement-Akademie von einem höheren Ast herunter, half ihr hinab und sagte dabei: „Was hast du dir nur dabei gedacht, ganz allein auf einen so hohen Baum zu klettern?“
„Ich spiele Tamachi GO. Ich dachte, ich könnte oben im Baum ein seltenes Tamachi fangen, aber stattdessen … habe ich nur dich gefangen! Komm, ich zeige dir meinen Tamachi-Index …“
„Hä?! Das ist wirklich ein seltenes Tamachi! Du musst ja ein echtes Genie sein, was das angeht!“
Von dem Mädchen ging eine sanfte, freundliche Frequenz aus. Wie eine Sonnenblume, die in der Sonne badet. Auch Linko strahlte auf.
Danach ging Linko oft mit diesem Mädchen, das wie eine große Schwester für sie war, in der ganzen Stadt auf Erkundungstour, und sie begann ebenfalls, ihren eigenen Tamachi-Index zu füllen. Bei der Suche nach Tamachi verließ sie sich stets ganz auf ihren Instinkt. Auch wenn sie dadurch hin und wieder in allerlei Schwierigkeiten geriet, wog die Freude an der Tamachi-Jagd alles auf. Trotzdem holte ihr Index den ihrer Schwester nie ganz ein.
Zwei Jahre später hatte ihre Schwester wegen der Schule immer mehr zu tun und übergab Linko ihre geliebte Konsole und ihre handgeschriebenen Strategienotizen. Sie bat sie, ihren Tamachi-Index zu übernehmen und für sie beide zur Tamachi-Meisterin zu werden.
„Linko ist die beste Wegweiserin in ganz Hethereau. Glaub an dich selbst – dein Weg führt immer in die richtige Richtung!“
Das hatte Linkos Schwester bei ihrem letzten Treffen zu ihr gesagt.
Danach erkundete Linko weiter die Stadt und zwängte sich in jeden Winkel und jede Ecke, um Tamachi zu fangen. Sie verlief sich immer noch oft, doch am Ende fand sie stets den Weg nach Hause zurück. Jedes Mal, wenn sie ein neues Tamachi fing, verglich sie ihren eigenen Index mit dem ihrer Schwester, nur um festzustellen, dass ihre Schwester es bereits gesammelt hatte. Trotzdem ließ Linko sich nicht entmutigen. Sie suchte einfach weiter, in dem Glauben, dass ihr Index den ihrer Schwester eines Tages einholen und sogar übertreffen würde.
Doch ab diesem Moment spürte Linko nie wieder diese warme, lebendige Frequenz, wenn sie ein Tamachi fing.
„Also war die Quelle dieser Frequenz die ganze Zeit meine Schwester …“
Geisterhafte Begegnung
Als Linko auf die Mittelschule kam, streifte sie weiterhin oft durch Hethereau und ließ sich von allerlei seltsamen Frequenzen leiten. Eines Tages ging sie durch die Hintertür eines Gebäudes und stolperte versehentlich in ein Anomalienreich. Es war ein Raum, dessen Wände mit alten Fernsehern gesäumt waren. Die meisten hatten zerbrochene Bildschirme und ließen sich nicht mehr einschalten. Einer schwachen, aber warmen Frequenz folgend, suchte sie den Haufen ramponierter alter Fernseher ab und fand einen, der sehr, sehr klein war.
Einem plötzlichen Impuls folgend drückte Linko den Einschaltknopf. Nach einem Schwall statischen Rauschens sprang plötzlich ein kleiner Geist heraus.
„Wah! Du unglückseliges kleines Balg, du wagst es, die Ruhe dieses bösen Geistes zu stören? Als Entschädigung bist du ab heute seine Dienerin! Muahah… Mmmpf…“
Linko hatte schon reichlich Horrorfilme gesehen und fürchtete sich kein bisschen. Sie hob den kleinen Geist einfach auf, als würde sie an einem ganz normalen Tag eine streunende Katze einsammeln.
„Also geht es dir doch gut. Eben wäre deine Frequenz fast verschwunden.“
„Hä? Frequenz? Verschwunden? Was faselst du da für einen Unsinn? Ich habe nur ein kleines Nickerchen im Fernseher gemacht!“
„Du lebst in einem Fernseher … Tamachi leben auch auf einem Bildschirm, also bist du im Grunde wie ein Tamachi! Oh! Dann bist du ein elektronisches Haustier!“
„Hä? Was zur Hölle soll das denn heißen? Wen nennst du hier ein Haustier!? Ob du es glaubst oder nicht, dieser böse Geist wird mmmpf…“
„Ja. Ab jetzt nenne ich dich Xiaozhen.“
Nach dieser verwirrenden Verhandlung nahm Linko den kleinen Geist Xiaozhen mit … samt ihres Fernsehers.
Doch als sie das Anomalienreich verließen, wartete am Eingang bereits eine Gruppe von Leuten in Uniformen des Büros auf sie.
Was Linko damals nicht wusste: Xiaozhen lebte schon seit Langem als Anomalie in dem Bürogebäude. Sie konnte in alle möglichen Fernseher schlüpfen und sprang gelegentlich heraus, um Angestellte zu erschrecken, die bis spät arbeiteten. Doch an jenem Tag drang ein Esper-Verbrecher in das Gebäude ein, um Schaden anzurichten. Gerade als er einen unschuldigen Angestellten angreifen wollte, wurden sie plötzlich in das Anomalienreich gezerrt. Den Berichten der Betroffenen zufolge war es ein Labyrinth aus unzähligen aufgetürmten Fernsehern. Sie wurden in einem sicheren Raum eingeschlossen, während der Verbrecher sich Geisterfeuer gegenübersah, das aus zahllosen Fernsehbildschirmen quoll, sowie einem gewaltigen Geist, der aus diesen verschmelzenden Flammen entstanden war. Der Kampf im Anomalienreich dauerte gefühlt Stunden. Die Kraft des Geistes war fast erschöpft, und er stand kurz davor, neutralisiert zu werden. Doch Xiaozhen nutzte ihre letzte Kraft, um den Verbrecher aus dem Anomalienreich zu schleudern. Danach fand sie den letzten intakten Fernseher und fiel in einen tiefen Schlaf … bis Linko sie plötzlich wieder weckte.
Am Ende nahm TVA-6 den verletzten Esper-Verbrecher in dem leeren Gebäude fest. Kurz darauf tauchten Linko und die Büroangestellten wieder darin auf. Zum Glück gab es keine Opfer. Nach dem ganzen Vorfall wurden Linko und Xiaozhen vom Büro untersucht. Linko begegnete einem finster dreinblickenden jungen Mann, und das uniformierte Personal schien ihm mit großem Respekt zu begegnen.
„Der Celaeno-Komplex hat Interesse an diesem Geist.“
Linko wusste nicht, was für ein Ort das war, aber ihr Instinkt sagte ihr, dass es für Xiaozhen nichts Gutes bedeuten konnte. Sie spürte vage, dass es selbst in der totenstillen Frequenz des Mannes vor ihr vielleicht einen Schwachpunkt gab, den sie nutzen konnte …
„Xiaozhen ist kein bösartiger Geist. Ich werde sie euch nicht übergeben, weil …“
Fest und unerschütterlich drückte Linko den Fernseher mit Xiaozhen darin eng an ihre Brust.
„… sie meine Freundin ist. Ich will nicht von ihr getrennt werden.“
„…“
Der junge Mann sagte nichts weiter. Kurz darauf erhielt Linko ein Dokument. Ein TVA-Captain hatte die Entscheidung erwirkt, die es ihr erlaubte, Xiaozhen zu behalten. Unter der Bedingung, dass sie die Aufsicht und Anordnungen der TVA akzeptierte, durfte sie Xiaozhens Bürgin werden.
„Xiaozhen, Xiaozhen! Ich bin jetzt deine offizielle Bürgin!“
„Bürgin? Was soll das heißen?“
„Das heißt weder Herrin noch Dienerin, ähm … Egal. Wichtig ist, dass du bei mir bleiben kannst!“
„… Hehehe~ Dann wird dieser böse Geist gnädig auf dich aufpassen, kleines Frequenzbalg!“