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Aurelias Leben war alles andere als langweilig: Sie sang in einem Chor, gründete eine Band, arbeitete als Anomalie-Jägerin und ist jetzt eine gewissenhafte Büroangestellte. Mit so einem Lebenslauf würden manche ihr Leben fast schon als ein bisschen zu „ausgereizt“ für ihr Alter bezeichnen. Zumindest reden so die Stammgäste der Tamamochi-Straße hinter vorgehaltener Hand über sie.
Ihr vielseitiger Hintergrund hat sie natürlich nie davon abgehalten, sich mit vollem Einsatz in jeden Job zu stürzen. Heutzutage kann Aurelia, als Straßenmanagerin der Tamamochi-Straße, mühelos jeden Anwohner beim Namen nennen und sich an seine Vorlieben und Abneigungen erinnern – ganz gleich, ob alt oder jung. Sie ist immer die Erste, die ihre Hilfe anbietet, wenn die Leute Probleme im Alltag haben. Ihre Hingabe für den Job lässt viele rätseln: Wie viel zahlt ihr das Rathaus dafür eigentlich?
Nach der Arbeit sieht man Aurelia manchmal allein durch die Straßen ziehen. Würdest du sie ansprechen, würdest du neun von zehn Mal feststellen, dass sie völlig die Orientierung verloren hat (und wäre jedem guten Samariter, der ihr den richtigen Weg zeigt, unendlich dankbar) … Manchmal allerdings tut Aurelia so, als wüsste sie ganz genau, wohin sie unterwegs ist, auch wenn ihr das keiner so recht abnimmt. Am Ende ist jeder in der Tamamochi-Straße mit Aurelia befreundet. Doch es scheint so, als gäbe es dort niemanden, der sie wirklich versteht.
Was die Orte angeht, zu denen sie gern reisen würde, aber aus irgendeinem Grund nicht kann; und die Worte, die sie gern sagen möchte, doch jedes Mal wieder herunterschluckt … Vielleicht darf nur jemand, der sehr, sehr lange an ihrer Seite bleibt, diese Dinge eines Tages erfahren. Andererseits hat doch jeder ein paar Geheimnisse, die er tief im Herzen verschlossen hält, oder nicht? Heute lächelt Aurelia wieder mit erhobenem Haupt, während sie auf ihrer geliebten Qualle die Straße entlangschwebt und alle fröhlich begrüßt, die ihr begegnen. Das ist das Leben, für das sie sich entschieden hat. Komme, was wolle.
Das Lied, das niemand mehr kennt
Aurelia wurde in eine intakte, glückliche Familie hineingeboren. Ihre Eltern liebten einander sehr, und zu Hause herrschte meist Frieden. Sie war der kleine Liebling, den sich ihre Eltern so lange gewünscht hatten. Ihre sanfte, liebenswerte kleine Pflaumenblüte. Der einzige Makel an dieser Bilderbuchfamilie war … der Arbeitsplan ihrer Eltern. Je älter sie wurde, desto höher stiegen beide auf ihren Karriereleitern auf. Die Zeit, die sie mit Aurelia verbringen konnten, wurde immer weniger. Aurelia verstand, dass ihre Eltern unglaublich hart arbeiteten, um ihr ein besseres Leben zu ermöglichen, also wusste sie, dass sie keine Wutausbrüche bekommen oder sich zu sehr verwöhnen lassen durfte.
Doch hin und wieder, wenn sie Kinder in ihrem Alter sah, die Hand in Hand mit ihren Eltern die Straße entlanggingen, konnte Aurelia nicht anders, als ihnen hinterherzusehen. Sie wusste, dass das, was so schwer auf ihr lastete, ein „Luxusproblem“ war: Sie musste sich nie Sorgen um ihre nächste Mahlzeit oder ein neues Paar Schuhe machen. Sie bekam jedes Spielzeug, das sie haben wollte, sofort, und selbst wenn sie beim Essen meckerte oder zu spät ins Bett ging, wurde sie nie bestraft. Reichte das denn nicht? Im Vergleich zu ihren Klassenkameraden, deren Eltern streng oder gefühlskalt waren, hatte sie schon so viel. Sie sollte nicht noch mehr haben wollen.
Daher starrte sie nur einen kurzen Moment, wandte dann schnell den Blick ab und ging brav in ihr leeres Zuhause. In einem Alter, in dem sie die Bedeutung von „Einsamkeit“ noch gar nicht richtig verstand, schien Aurelia sie bereits erlebt zu haben.
Sie gewöhnte sich an die Abwesenheit ihrer Eltern. An ihrem Geburtstag jedoch konnte sie nicht anders, als zu hoffen, dass es vielleicht anders sein würde. Bunt verpackte Geschenke, ein riesiger Teddybär und eine dreistöckige Geburtstagstorte leisteten ihr Gesellschaft, während sie wartete. Sie wartete weiter, während die Sonne unterging und der Himmel von Blau zu Rosa und schließlich zu Violett verblasste. Bald stand der Mond hoch am Himmel, und die Zeiger der Uhr rückten Stück für Stück weiter vor.
Irgendwann gab Aurelia auf. Sie zündete die Kerze an, die fast schon in der Buttercreme verschwunden war, sang sich selbst „Happy Birthday“ und pustete sie dann vorsichtig aus. Einen Augenblick lang erstrahlte das Zimmer in einem hellen, gleißenden Licht, bevor es wieder in Dunkelheit getaucht wurde.
Es scheint, dass selbst ein Wunsch keine Garantie dafür ist, dass er in Erfüllung geht.
„Nur ein einziges Mal würde mir schon reichen“, dachte sie sich. Ich wünschte, Mama und Papa könnten nach Hause kommen.
Die erste Melodie
Aurelia hatte sich auf einer Klassenfahrt im Frühling mit Akane und Suzuha angefreundet. Sie war völlig fasziniert von den Quallen im Aquarium und trieb, ehe sie sich versah, immer weiter vom Rest ihrer Klasse weg. Gerade als sich Panik in ihr breitmachte, weil sie in der Menge kein einziges vertrautes Gesicht mehr entdecken konnte, erspähten Akane und Suzuha sie. Jede von ihnen nahm eine ihrer Hände, führte sie zurück zum Sammelpunkt der Klasse und setzte sich anschließend auf der Heimfahrt im Bus links und rechts neben sie.
Seit diesem peinlichen Moment waren Akane und Suzuha Aurelias beste Freundinnen.
Am darauffolgenden Geburtstag war Aurelias Wohnzimmer nicht länger leer. Vor dem unglaublichen Geschenkeberg standen zwei Mädchen, die so etwas noch nie gesehen hatten, und machten große Augen. „Warum versteckt ihr euch denn da drüben?“ In dem Moment, in dem sie Aurelias Stimme hörten, versuchte Akane hektisch, das winzige Geschenk in ihren Händen hinter ihrem Rücken verschwinden zu lassen. Doch Aurelia, der nichts entging, erwischte sie dabei.
„Ist das für mich? Das ist bestimmt für mich, oder?!“ Aurelia stürmte zu ihr hinüber und versuchte, sich die kleine Schachtel zu schnappen.
„Du hast doch schon so viele Geschenke! D‑dieses hier ist wirklich nichts Besonderes …“
„Das ist doch egal!“, rief Aurelia empört. Schließlich gelang es ihr, das Geschenk zu packen, und sie drückte es fest an sich. „Das ist mein allererstes Geburtstagsgeschenk von einer Freundin. Es gehört mir und kann nicht zurückgenommen werden!“
„Aber … Es ist nichts im Vergleich zu …“ Akane wurde immer leiser.
Bevor sie ausreden konnte, hatte Aurelia das Geschenkpapier schon in Fetzen gerissen. Aus der schachtelgroßen Box kullerten ein paar glänzende kleine Pins: Souvenirs aus genau dem Aquarium, in dem sie sich kennengelernt hatten. Das kleine Quallenmaskottchen zog eine putzig und bemitleidenswerte Miene, die lustigerweise genauso aussah wie Aurelia an dem Tag, als sie gar nicht mehr aufhören konnte zu weinen.
Aurelia starrte ohne zu blinzeln auf die Pins, die über den Tisch gerollt waren. Neben ihr war Akane so verlegen, dass sie es keine Sekunde länger aushielt. Sie schnappte sich Suzuhas Hand und setzte zum Rückzug Richtung Tür an. Doch bevor sie auch nur einen Schritt machen konnten, stürzte Aurelia sich auf die beiden und zog sie in eine feste Umarmung. Die kleine Heulsuse schluchzte wieder wie das Maskottchen auf dem Pin. „S‑sie sind perfekt … das Beste auf der ganzen Welt!“ Zwischen ihren Tränen bekam sie kaum noch ein Wort heraus.
Auch wenn ihre Eltern ausgerechnet an diesem Geburtstag immer noch nicht dabei sein konnten, fühlte Aurelia sich nicht mehr einsam. Suzuha zündete für sie die Kerzen auf dem Kuchen an, und Akane setzte ihr einen Partyhut auf. Das Geburtstagslied, das sie für sie sangen, wurde zur schönsten Melodie, die Aurelia je gehört hatte.
Als sie die Kerzen ausblies, wünschte sie sich aus tiefstem Herzen, für immer mit ihren Freundinnen zusammenbleiben zu können.
Die erste Dissonanz
Aurelias Esper-Fähigkeit erwachte, als sie vierzehn war. Sie konnte sich nicht mehr so genau erinnern, was damals gerade los gewesen war, außer an diesen einen Moment im Unterricht, als ihr Stift plötzlich leer war. In dem Augenblick, in dem sie den Stift einmal kräftig schüttelte, tauchte wie aus dem Nichts ein ganzer Schwarm Quallen auf. Sowohl die Lehrer als auch die Schüler verloren bei diesem Anblick komplett die Fassung und starrten sie mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mündern an.
Dabei war Aurelia die Verwirrteste von allen. „War … ich das gerade?“
Sie schüttelte ihre Hand noch einmal. Die Quallen ahmten jede ihrer Bewegungen perfekt nach. Ihre Klassenkameraden schrien aufgeregt: „Aurelia! Bist du etwa … Bist du gerade …?“
„Du bist ein Esper!“
Nach vielen Tests wurde offiziell bestätigt, dass Aurelia tatsächlich nun ein Esper war. Aber abgesehen davon, dass sie ihren Status beim Büro für Anomaliekontrolle registrieren lassen musste, schien sich ihr Leben überhaupt nicht verändert zu haben – bis ihr klarwurde, welchen Preis sie dafür zahlen musste.
Dadurch, dass sie ihren Orientierungssinn verlor, wurde Aurelia zur Fremden in ihrer eigenen Heimatstadt. Obwohl sie jeden Tag denselben Weg zur Schule und zurück ging, vergaß sie immer wieder unterwegs, wo genau sie gerade war. Die Läden entlang der Straße kamen ihr alle vertraut vor, aber sobald sie eine Straße überqueren oder um eine Ecke biegen musste, war in ihrem Kopf völlige Leere. Von da an musste Aurelia, egal wohin sie wollte, die Route vorher heraussuchen und sich jedes Detail einprägen.
Anfangs dachten alle an ihrer Schule, Espers seien total stark und megacool. Sie sahen Aurelia neidisch und ehrfürchtig an. Doch Aurelias Esper-Fähigkeit stellte sich als ziemlich unspektakulär heraus. In welcher Situation sollte man Quallen beschwören und kontrollieren müssen? Das war komplett nutzlos. Es dauerte nicht lange, bis ihre Begeisterung darüber, dass sie ein Esper war, abflaute und sich stattdessen alles auf ihre täglichen Navigationskatastrophen verlagerte. Selbst wenn die Mitschüler, die von ihrem Zustand wussten, auf dem Schulgelände so gut sie konnten auf sie aufpassten – sobald ein Laden sein Schild wechselte oder eine Straße wegen Bauarbeiten gesperrt wurde, stolperte Aurelia wieder hilflos umher und fragte jeden nach dem Weg. Am Ende gewöhnten sich Akane und Suzuha daran, extra Umwege zu machen, um Aurelia jeden Tag abzuholen und nach Hause zu bringen, aus Angst, sie könnte mitten in der Nacht irgendwo allein durch die Straßen irren.
„Ich will euch nicht ständig mit so was zur Last fallen …“, murmelte Aurelia und ließ den Kopf hängen. Suzuha hielt Aurelias Hand, zog leicht daran und gab ihr damit das Zeichen, dass sie an der Kreuzung links abbiegen mussten. Neben ihnen seufzte Akane. Sie hob die Hand und schnippte Aurelia gegen die Stirn. Aurelia zuckte zusammen und rief: „Au! Das hat wehgetan!“
„Du bist ein Esper geworden, mehr nicht. Du hast dich als Person nicht verändert. Du hast schon immer Probleme gemacht, auch als Kind.“
Suzuha brach neben ihnen in schallendes Gelächter aus. Aurelia fing an zu schmollen: „Akane! Du bist echt fies …“
„Habe ich etwa Unrecht? H‑hey! Bleib, wo du bist!“
Aufgemuntert vom Lachen ihrer Freundinnen ließ Aurelia das Thema auf sich beruhen. Doch auch wenn sie nach außen hin weiter fröhlich und optimistisch wirkte, hatte sich ein kleiner Anflug von Unruhe in ihrem Herzen breitgemacht.
Bin ich wirklich noch dieselbe wie früher? Kann zwischen uns wirklich alles so bleiben, wie es ist?
Unsere Wege trennen sich, doch das Lied bleibt
Aurelias Chancen, jemals wieder ihre Beine benutzen zu können, waren gering, doch der Arzt deutete an, dass es nicht völlig ausgeschlossen sei. Wenn es in Zukunft fortschrittlichere Medizintechnik gäbe oder sie einem Esper mit ausgeprägten Heilkräften begegnen würde … Wie auch immer, die Wahrscheinlichkeit lag nicht bei null.
In den Pausen ihrer Reha öffnete sie oft Bagel und starrte auf den kleinen Gruppenchat von ihr, Akane und Suzuha. Schon sehr, sehr lange hatte keine von ihnen mehr eine Nachricht geschickt. Unzählige Male hatte Aurelia etwas getippt, nur um es dann wieder zu löschen. Was sollte sie den beiden auch schreiben?
Nachdem sie lange mit ihrem Handy in der Hand gegrübelt hatte, fasste Aurelia einen Entschluss: Sobald sie sich noch weiter erholt hatte und an dem Punkt angelangt war, an dem sie aus dem Krankenhaus entlassen werden und für sich selbst sorgen konnte, würde sie zu ihren Freundinnen gehen und sie überraschen. Es gab unendlich viele Dinge, von denen sie ihnen erzählen wollte.
Doch selbst nachdem einige Zeit vergangen war, zeigten ihre Beine keinerlei Besserung. Sie hatte gelernt, „Genesung“ nicht länger als ihre einzige Hoffnung zu betrachten. Trotzdem kehrte ihr Leben mit Hilfe ihrer Esper-Fähigkeit nach und nach zu einer Art Normalität zurück. Auch wenn sie nicht mehr wie früher Schlagzeug spielen konnte, dachte sich Aurelia nichts weiter dabei. Wenn sie sich ein bisschen mehr anstrengen würde, würde der Tag des Wiedersehens mit Akane und Suzuha immer näher rücken.
Plötzlich ertönte ihr Handy mit einem besonderen Ton. Und zwar mit dem, den sie speziell für Akanes Nachrichten eingestellt hatte. Aurelia griff hastig nach ihrem Telefon und hätte es dabei fast fallen lassen. Doch die Worte, die sie sah, als sie das Chatfenster öffnete, hätte sie sich nie ausmalen können: „Suzuha zieht um. Als sie mir geschrieben hat, war ihr Auto schon unterwegs …“
… Was?
Einen Moment lang konnte Aurelia diese Worte nicht verstehen, als wären sie nur eine Reihe bedeutungsloser Zeichen. Was meinte Akane mit „umziehen“? Warum schrieb sie so etwas? Ihre Finger zitterten so sehr, dass sie kaum eine Antwort tippen konnte, und ein ganzer Schwall an Fragen lag ihr schwer auf der Zunge.
„Wo will Suzuha hin?“
Sie fuhr an einen Ort, an dem sie nicht waren. Suzuha würde nicht mehr bei ihnen sein. Aurelia … verstand es schließlich. Suzuha war ein sensibles, nachdenkliches Mädchen. Wenn sie weiter in Hethereau lebte, einer Stadt voller Erinnerungen an ihre Freundschaft, würde sie nur alte Wunden aufreißen. Aurelia wusste das. Sie musste nicht danach fragen.
„Und was ist mit Lines?“
Tief in ihrem Inneren kannte sie die Antwort darauf ebenfalls schon. Selbst wenn Suzuha geblieben wäre, hätte die Band ohne Aurelia als Drummerin nur zwei Wege gehabt: eine Pause auf unbestimmte Zeit oder die Auflösung. Natürlich hätte sie etwas sagen können wie „sucht euch eine neue Drummerin“, aber sie brachte es nicht übers Herz. „Lines“ war aus Aurelias egoistischem Wunsch geboren und existierte für sie drei. Wenn eine von ihnen ging, welchen Sinn hätte dann noch die leere Hülle, die übrigblieb?
„Was ist mit dir?“
Trotz ihrer zitternden Finger tippte sie diese Worte.
Im Chatfenster blieb die „Jemand tippt gerade …“-Blase eine gefühlte Ewigkeit auf dem Bildschirm. Akane, die sonst immer frei heraussprach, musste verzweifelt nach Worten suchen, genau wie Aurelia es zuvor getan hatte. Akane, so direkt und offen, hatte ihre Grenzen überwinden müssen.
Wenn Aurelia nicht so große Angst gehabt hätte, verachtet oder im Stich gelassen zu werden, wenn es ihr nicht an Mut gefehlt hätte … Wenn es nur nicht an ihr gelegen hätte …
Es fühlte sich an, als würden Jahrtausende vergehen, bis endlich eine neue Nachricht auf dem Bildschirm erschien: „Ich weiß es nicht. Es tut mir leid.“
Aurelia spürte, wie sie zu zittern begann. Die Worte vor ihr zerflossen wie Farbe im Wasser.
Warum?
Löst euch nicht auf.
Wollten wir nicht für immer zusammenbleiben?
Akane liebt das Singen so sehr – sie sollte immer auf der Bühne stehen.
Es gab so vieles, was Aurelia sagen wollte, doch sie hatte nicht mehr das Gefühl, das Recht dazu zu haben. Diejenige, die „Lines“ aufgelöst hatte; diejenige, die Suzuha gezwungen hatte, ihre Heimatstadt zu verlassen; diejenige, die dafür gesorgt hatte, dass Akane nie wieder singen konnt e … Das war kein Schicksal. Das war sie selbst.
Und trotzdem gab es noch eine Sache, die sie ihr sagen wollte. Selbst wenn der Schaden längst angerichtet war, selbst wenn es viel zu spät war …
„Ich liebe deine Musik, Akane. Bitte, auch wenn dir jetzt danach ist, aufzuhören, mach irgendwann weiter.“
„Ich verspreche dir, ich werde ganz sicher auf dich warten, egal wohin du gehst.“
Echos der Vergangenheit
Fernab der Bühne und all den verschiedenen Anomalie-Aufträgen hatte Aurelia auf einmal kaum noch etwas zu tun. Der Faden, der sie immer vorwärtsgezogen hatte, riss plötzlich. Aurelia verlor von einem Moment auf den anderen die Orientierung.
Früher hatte sie oft über die Zukunft nachgedacht: „Lines“ würde die Band werden, die am besten mit Anomalien umgeht und zugleich die beste Musik unter allen Anomalien-Jäger-Organisationen spielt … Sie würden Hethereau verlassen, auf Tour gehen und zu Legenden werden! Wenn es um Vorstellungskraft ging, gab es so etwas wie eine „Grenze“ nicht. Doch jetzt schien all das keine Rolle mehr zu spielen.
Um sich im Krankenhaus nicht zu Tode zu langweilen, fing Aurelia an, einer beschäftigten älteren Dame in ihrem Zimmer bei Papierkram zu helfen. Bevor sie entlassen wurde, machte die alte Frau ihr ein Angebot: Wie wäre es, wenn du mir auch in meinem Geschäft weiter aushilfst?
… Eigentlich gar keine schlechte Idee. Schließlich hatte sie ohnehin keinen anderen Ort, an den sie gehen konnte.
Als würde sie sich von allem verabschieden, was sie kannte, begann Aurelia ein ganz neues Leben in der Tamamochi-Straße. Unweit vom Sternzeichen wurde sie zu einer ganz normalen Teilzeit-Büroangestellten.
Die Straße selbst war lebendig, ständig kamen und gingen Menschen. Sie wusste, dass sie einmal Mitglied der Band „Lines“ gewesen war, doch die meisten Anwohner wussten überhaupt nichts über sie. Für die heutige Aurelia spielte das alles ohnehin kaum noch eine Rolle. Die Erwachsenen schätzten ihre Professionalität, während die Kinder fanden, dass es das Coolste überhaupt war, wie sie auf Quallen durch die Gegend schwebte. Ehe sie sich versah, nannten alle sie nur noch „Kleines“ oder „große Schwester Aurelia“.
Nur ab und zu fasste sie den Mut, nach der Arbeit einen Umweg zu machen und im Sternzeichen vorbeizuschauen. Doch als sie die Stufen erreichte, die sie früher vor lauter Aufregung unzählige Male hinuntergehüpft war, merkte sie: Ihre Qualle war viel zu groß, um sich diese lange, enge Treppe hinunterzuquetschen.
Die Tür zur Vergangenheit hatte sich endgültig vor ihr geschlossen, und sie konnte nie wieder dorthin zurück. Ungesagte Worte und unvergossene Tränen waren alles, was in ihrem Herzen zurückgeblieben waren.
Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als Akane und Suzuha wiederzusehen, Akane singen zu hören und Suzuhas Lächeln zu sehen … und doch hatte sie das Gefühl, dass dieser kleine Wunsch zu einem Fluch werden würde, sobald sie ihn nur laut aussprach.
Dafür würde sie sich erlauben, zu jeder „Nacht des Mondhundes“ zu gehen – einer Anomalie-Dimension, die groß genug war, um alle Lieder und Träume der Welt zu fassen, oder zumindest groß genug für eine Qualle. Jedes Mal, wenn sie dort war, ging sie die Songliste durch, suchte nach vertrauten Namen und wurde immer wieder aufs Neue enttäuscht. Aber ganz gleich, was geschah, Aurelia glaubte fest daran, dass das kleine Mädchen, das für die Musik geboren worden war, eines Tages zurückkehren würde.