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Nach einem anstrengenden Tag kehrte Hathor nach Sterry zurück, wo die Unterhaltungen und der Jubel im Inneren etwas auffällig waren. Herzlich stellte die Mentorin zwei neue Mitglieder von Sterry vor: Haniel und Illica. Hathor hatte keine besonderen Gedanken zu ihrer Ankunft und nickte einfach zur Bestätigung. Sie war es gewohnt, sich den Anweisungen der Mentorin zu fügen. Wenn sie sich jetzt an ihre Eindrücke von diesem ersten Treffen zurückerinnern würde, würde sie wahrscheinlich eine recht kurze Bewertung abgeben: Sehr energiegeladen, tolle Kuriere.
Aber im Laufe der folgenden Tage, in denen sie miteinander zu tun hatten, merkte Hathor allmählich, dass die Beziehungen zwischen den fünf nicht so reibungslos verliefen wie erwartet. Die Mentorin und Jenson, die sie gut kannten, konnten ihre wahren Gedanken an ihren Ausdrucksweisen und Handlungen erkennen, auch wenn sie nichts sagte, und wussten, dass sie nicht absichtlich kühl war. Die beiden neuen Mitglieder schienen das nicht zu verstehen. Vielleicht zeigten sie wegen ihrer eisigen Art immer eine gewisse instinktive Vorsicht, ganz anders als ihr lebhaftes Wesen gegenüber der Mentorin. Gerade als Hathor wieder mal darüber nachdachte, wie sie ihnen erklären könnte, dass sie einfach nicht gut im Umgang mit anderen war, wurde ein Gespräch mit der Mentorin zum Wendepunkt. Sie bekam einen Auftrag, der nur für sie bestimmt war: Zeit mit Haniel und Illica zu verbringen und das Leben moderner Jugendlicher zu verstehen. Das war eine Aufgabe mit einer klaren Vorgabe, die es ihr ermöglichte, ihre Zurückhaltung zu überwinden.
Als sie den beiden dann aber tatsächlich gegenüberstand, war es viel schwieriger als erwartet, das Gespräch zu beginnen. Hathor hatte sich im Kopf viele Male Szenarien für erste Gespräche ausgemalt und sogar mehrere Notfallpläne vorbereitet, um mit unangenehmen Schweigepausen umzugehen. Während einer seltenen Plaudereien fragte sie also vorsichtig nach ihren täglichen Hobbys, aber die darauffolgenden Antworten waren ganz anders als erwartet:
„Natürlich schauen wir uns den besten Manga dieses Jahrhunderts an, ‚Gen Z‘!“
„Merchandise Kaufen, zu Events Gehen, die Geschichte mit anderen Fans auf Bagel Analysieren, Conventions, Live-Events und Wotagei!“
„Saisonale Anime-Vorschauen, Fan-Art, wöchentliche neue Episoden … Wir verpassen keine einzige!“
Angesichts Haniels enthusiastischer Empfehlungen zeigte Hathor sichtbare Verwirrung: Was ist Wotagei? Was ist ein „Anime“?
Gerade als Hathor unterbrechen und ihrem Gehirn etwas Zeit zum Aufholen geben wollte, sah sie Illica, die gespannt darauf wartete, sich an der Unterhaltung zu beteiligen. Sie verstummte für einen Moment und nahm ihre Worte zurück. Wenn sie wirklich darüber reden wollten … dann würde es nicht schaden, noch ein bisschen länger zuzuhören.
Hocheffiziente Lieferstation
In Sterrys Anfangszeit gab es nur drei Leute. Obwohl sie nur wenige waren, hatten sie eine klare Arbeitsteilung. Die Mentorin, die sich mit den Schwächen der Menschen gut auskannte, bewegte sich oft in gesellschaftlichen Kreisen, während Jenson mit seiner gepflegten Sprache und seiner akribischen Beachtung von Protokollen und Regeln mit nur wenigen Worten Verhandlungsblockaden überwinden konnte, was ihn besser für Gespräche über geschäftliche Kooperationen geeignet machte. Allerdings hatte Hathor von Anfang bis Ende immer gewisse Vorbehalte gegenüber Jenson. Ihr scharfer Instinkt für Gefahren, der durch langes Training geschärft worden war, flüsterte ihr zu, dass dieser Mann nicht so regelkonform war, wie er schien, wenn auch die gute Arbeitsbeziehung der Mentorin zu ihm zu bedeuten schien, dass man Jenson für den Moment vertrauen konnte. Die große Verantwortung für die Paketzustellung fiel natürlich Hathor zu, die zuletzt dazugekommen war.
Sterrys Elite-Kurier, die toughe Bikerbraut, die nicht viel redet, die erste Wahl für dringende Lieferaufträge. Normale Sendungen, zerbrechliche Güter, Anomalie-Pakete – beim Dröhnens ihres Motorrads kamen alle sicher, akkurat und unbeschädigt ans Ziel. Unvollständigen Statistiken zufolge lag ihr Tagesrekord bei 200 normalen Lieferungen und 11 Anomalie-Containern, während sie gleichzeitig als Anomalie-Jägerin geholfen hatte, 2 Anomalien der Klasse III einzudämmen. Sie war eine wahrhaft unermüdliche Liefermaschine: kalt, rücksichtslos, effizient.
Hathor selbst hatte nicht bemerkt, dass dieses Tempo zu anspruchsvoll war und zu lange angedauert hatte. Erst als sie eines Tages zurückkam und unerwartete Geräusche im Laden hörte, während die Mentorin sie lächelnd begrüßte und erklärte, dass dies die neuen Mitglieder von Sterry waren, wurde ihr die Erschöpfung durch diese Lieferarbeit, die bis zu jenem Tag angedauert hatte, wirklich bewusst.
Willkommensgeschenk
Regalias Motorradschlüssel ist aus einem stromlinienförmigen Metallgehäuse mit fein polierten Kanten gefertigt. Seine Zähne sind leicht abgenutzt – helle Spuren, die vom jahrelangen Starten des Motors zeugen. Solche Abnutzung bleibt nur zurück, wenn die Hand, die ihn führt, sich präzise, sauber und ohne übermäßige Kraft bewegt. Hunderte, ja tausende identischer, perfekt ausgeführter Bewegungen sind nötig, um diese stumme Meisterschaft in Metall zu verewigen.
Wenn sie allein ist, dreht sie den Schlüssel manchmal einmal im Schloss, begleitet von einem leisen, präzisen Klicken. Hathor hat unnötigen Lärm noch nie gemocht, doch dieses Geräusch hat sie nie zu unterbinden versucht. Es war eine ruhige, aber unruhige Nacht, als ihr durch die stille Freundlichkeit ihrer Mentorin dieses Willkommensgeschenk überreicht wurde – ein Geschenk, das zu einer tief in ihrem Herzen verwurzelten Gewohnheit wurde.
Was danach jedoch wirklich fesselt, ist der Moment, in dem das Dröhnen des Motors den Rhythmus vorgibt: Missionen erhalten, Missionen abschließen.
Lieferungshinweise des Elite-Kuriers
„Starker Regen voraus mit Überschwemmungen unbekannter Tiefe. In solchen Situationen ist es am besten, einen Umweg zu nehmen und das Risiko zu vermeiden.“
„Hethereau befindet sich mitten im Berufsverkehr, daher ist die Wahrscheinlichkeit einer Stauung an der nächsten Kreuzung hoch. Glücklicherweise ist das Ziel nicht weit entfernt, sodass ein Wechsel zur Lieferung zu Fuß effizienter wäre.“
„Wenn die Straßenoberfläche uneben ist, empfehle ich, auf rutschfeste Reifen umzusteigen. Beim Durchfahren von Schotter muss man seinen Schwerpunkt schnell anpassen, um die Stabilität zu halten.“
„Nachtlieferungen erfordern ständige Wachsamkeit, daher müssen tote Winkel immer wieder überprüft werden. Erst wenn die Sicherheit gewährleistet ist, darf man weiterfahren.“
„Eintauchen in eine Anime-Welt“
Um die Anime-Kultur zu meistern, ging Hathor die Sache mit dem Geist einer schwierigen Herausforderung an: Sie lernte von Haniel und tauchte in die „Gen Z“ ein.
Anders als beim typischen Anime-Schauen war Hathor nicht die Fantasy-Art von Zuschauerin, die Figuren und Acrylständer in magischen Kreisformationen anordnete, auf dem neuesten Tablet von Cubox Technologies auf „Rufen“ drückte und dann Zaubersprüche rezitierte, um den Geist des Binge-Watchings von 24 Folgen am Stück zu segnen (was Haniel übrigens auch nicht tat).
Stattdessen holte sie zu festgelegten Zeiten ein 1.000-seitiges Notizbuch hervor, um verschiedene Fragen zu notieren, die ihr beim Anschauen kamen, und nach jeder Folge schrieb sie eine Rezension, in der sie die Höhepunkte der Handlung, die Dynamik der Kommentare, die Beziehungen zwischen den Figuren und vieles mehr analysierte. Nie übersprang sie Episoden oder verwendete doppelte Geschwindigkeit, und sie kategorisierte und zeichnete die persönlichen Stile der Regisseure, Drehbuchautoren und Animationsmitarbeiter des kreativen Kernteams auf.
Nach mehreren Tagen des Studiums konnte Hathor in Gesprächen mit Haniel genau sagen, in welcher Episode jeder Charakter auftrat und wie die Leute im Internet auf die Szene reagiert hatten. Als Haniel erstaunt fragte, wie sie das geschafft hatte, erklärte Hathor ehrlich ihr Verständnis vom „Eintauchen in einen Anime“ und fragte sich unter Haniels schockiertem Blick leise: Vielleicht hätte ich mich noch mehr anstrengen sollen …?
Nicht-Mission
Eines Tages, nachdem sie ihre Lieferaufträge erledigt hatte, fuhr Hathor wie üblich mit ihrem Motorrad und schoss die Straße entlang. Vielleicht weil sie in letzter Zeit zu viel Anime geschaut hatte, fiel Hathor die riesige Werbetafel für „Gen Z“ ins Auge. Die limitierten Treffpunkt-Merchandise-Artikel, die auf dem Werbebild zu sehen waren, waren ein Begriff, den Hathor in letzter Zeit häufig gehört hatte und der ihr mittlerweile nicht mehr unbekannt war. Diese Artikel konnten nur über begrenzte Offline-Kanäle wie exklusive Conventions, Geschäfte oder Cafés erworben werden. Zufällig gab es in der Nähe ein Geschäft, von dem Haniel schon seit Ewigkeiten gesprochen hatte, und irgendwie hatte Hathor Lust, ihr Glück mal zu versuchen.
Der Ausdruck „ihr Glück versuchen“ sollte eigentlich nicht im Wortschatz von jemandem vorkommen, der an präzise Abläufe gewöhnt ist. Seit sie sich für Anime interessierte, hat Hathor nach und nach angefangen, Dinge im Leben zu akzeptieren, die mit „Zufälligkeit“ zu tun hatten: die Zufälligkeit von Gacha-Ziehungen, die täglichen kurzen Gespräche über neue Anime mit ihren beiden Fan-Freunden, die Zufälligkeit, mit der unerwartet neue Begriffe auftauchten, die „Pseudozufälligkeit“, ob limitierte Treffpunkt-Merchandise-Artikel erhältlich waren und so weiter …
Auch heute gab es ein zufälliges Ereignis: die spontane Entscheidung, nach Beendigung der Lieferungen einen Umweg zu einem Laden mit limitierten Merchandise-Artikeln zu machen, um ihr „Glück“ mit limitierten Artikeln „zu versuchen“, und das Nächste würde es sein, den beiden kleinen Eulen ein unerwartetes Geschenk zu machen … Hathor war es gewohnt, sich selbst unter Anspannung zu halten. Vielleicht aufgrund ihres Muskelgedächtnisses aus früheren hochintensiven Lieferungen oder aufgrund der professionellen Disziplin, Pläne strikt einzuhalten. Außerdem war sie gegenüber ihren Esper-Fähigkeiten immer vorsichtig gewesen, seit sie mal die Kontrolle verloren hatte.
Aber seit sie von jenen beiden etwas über das „moderne Leben der Jugendlichen” gelernt hatte, hatte sich etwas namens „Zufälligkeit” in ihrem Körper festgesetzt. Wie etwa, die Werbetafel heute zu bemerken, wie der plötzliche Abstecher in einen Souvenirladen, wie das Einpacken eines Geschenks in ihre Tasche, das nicht auf ihrer Questliste stand. Nie zuvor war ihr so klar geworden, dass sie tatsächlich zu lange zu angespannt gewesen war, so lange, dass sie vergessen hatte, dass sie eigentlich in einer Stadt voller menschlicher Wärme und Leben lebte.